Hanspeter Kuenzler interviewte mich, er ist der Autor von :
Der Thriller um Michael Jackson / www.hannibal-verlag.de
ISBN 978-3-85445-321-5 und ist erschienen im Jahr 2010

Kim Moses schlägt vor, dass man sich in einer Hotelbar in der Nähe des Flughafens trifft. Vielleicht, weil er bei sich Erinnerungen an die Zeiten wachrufen möchte, wo er auf den Spuren von Michael Jackson durch halb Europa reiste. Hotelbars in der Nähe von Flughäfen seien leicht zu finden, sagt er, denn meistens gebe es den Shuttle-Bus für Hotelgäste, welcher einen kostenlos und ohne sich zu verirren an der richtigen Adresse ablade. „Man darf es nur nicht übertreiben.“ fügt er hinzu. „Man darf nur nicht gleich mit fünfundzwanzig anderen Fans aufmarschieren.“ Zum Warten hat er sich ein Gläschen Champagner gegönnt. Schwer beladen ist er erschienen. In einer dicken Rolle trägt er die Michael-Jackson-Poster mit, die er vor ein paar Jahren geschaffen und an den Fan-Zusammenkünften in London verkauft hat. Aus einer Tasche zieht er eine Mappe mit Kopien von Leserbriefen, die bei diversen Gelegenheiten in der Presse abgedruckt worden sind. Seine Zuschriften tragen Titel wie „Michael Jackson: Sein Herz hat Platz für die ganze Welt“ und „mit dem Herzen denken“. Postkarten hat er mitgebracht, dazu Photo-Prints und schliesslich noch das neueste Buch: „Leben Zwischen Sein und Schein“. Kim ist 61 Jahre alt. Sein ergrauter Haarschopf ist hinten zu einem Schwänzchen gebunden. Zum Broterwerb verdingt er sich derzeit als Hubstaplerfahrer. Sein wahrer Beruf aber, seine Berufung, das ist die Kunst. Nichts hat Kim als jungen Künstler stärker geprägt als das surrealistische Werk von Salvador Dali. 1987, als dieser bereits an der Parkinson-Krankheit litt, wurde Kim vom Wunsch gepackt, seinem grossen Vorbild einen Besuch abzustatten. Zuerst schrieb er einen Brief an Juan Carlos, den König von Spanien, und bat diesen, ein Treffen zu arrangieren. Der König schrieb zurück, dass Senor Dali selber darüber entscheide, wen er empfange und wen nicht. Da reiste Kim kurzerhand nach Katalonien und sprach in Figueres beim Meister persönlich vor. Dieser liess ihn tatsächlich eintreten. Sechs Minuten habe er gehabt mit Dali. Dali habe ihm auch ein Bild abkaufen wollen, und zwar für 11 Millionen Pesetas (etwa DM 10'000.-). Kim schluckte leer, rang nach Worten und gestand, dass er just dieses Stück nun wirklich nicht gern hergeben würde, auch für diesen Preis nicht. Da habe Salvador Dali zu ihm gesagt: „Du bist der wahre Künstler!“

Kondoliert habe ich dann mit einem Bild, wo er als leuchtender Stern im Himmel steht“, sagt Kim. „So wie ich dann eben auch Michael Jackson dargestellt habe, als er gestorben ist.“ Spanien. In dem Land wurden auch die Weichen gestellt für die nächste Phase im Leben des Kim Moses. Bei der Visite in Figueres lernte er einige neue Menschen kennen. Diese versuchten ihn dazu zu überreden, ein Monat später mit ihnen das Michael Jackson-Konzert in Basel zu besuchen. Er wusste nicht so recht. Den Namen kannte er, aber er wusste nicht, welche Musik dazu gehörte. „Ich habe mich durchaus für Musik interessiert. Irisch, oder auch schottisch. Aber auf Namen habe ich mich nie konzentriert.“ Die neuen Freunde wollten ihm ein Ticket schenken. „Ist es wenigstens ein bisschen rockig?“ wollte Kim wissen. „Ja, sicher.“ tönte es zurück. Eine Woche nach dem Konzert malte Kim das erste Bild von Michael Jackson. „Ich hatte eine Vorlage. Aber das Bild kam nicht so heraus wie er auf dem Photo aussah. Wie verrückt das war merkte ich erst drei Jahre später. Da sah er nämlich plötzlich genau so aus wie auf meinem Bild. Es war, wie wenn ich beim Malen in die Zukunft geschaut hätte.“ Dem ersten Gemälde von Michael folgte bald ein zweites, ein fünftes, ein zwanzigstes. „Immer mehr habe ich mich mit ihm befasst. Nicht nur seine Musik und sein Tanz haben mich fasziniert sondern auch seine Gedanken über die Welt. Über die Veränderungen, die er bringen wollte. Vom ersten Moment an beim Konzert hatte ich das Ehrliche gespürt, das aus ihm herübergekommen ist. Ich habe gesehen, er lebt das. Er spielt das nicht. Und das ist ein grosser Unterschied ob er das spielt oder ob er das lebt.“ Zwölf Jahre lang malte Kim Moses fast nur noch Michael Jackson. So entstanden 36 Bilder und 54 Zeichnungen. Bei den Konzerten unternahm er alles, um zuvorderst vor der Bühne stehen zu können. Immer hatte er den Feldstecher dabei, um die Gesichtszüge noch intensiver zu studieren. Auf diese Weise habe er erkannt, dass Michael auf der Bühne an die fünfzig verschiedene Charaktere gelebt habe. 1991 ging Kim zum ersten Mal nach London. Im Hammersmith Palais besuchte er die Michael Jackson-Party, die Adrian Grant – inzwischen hat er das Musical „Thriller – Live“ geschaffen – damals jedes Jahr organisierte. Er legte einige von seinen Karten auf und stellte fest, dass sie auf reges Interesse stiessen. 1993 reiste er erneut zur Party, diesmal hatte er 2500 Postkarten dabei. Innert drei Stunden waren sie weg, die Hälfte des Profites ging an „Heal the World“ und „Children in Need“. 1994, auch 1995 wieder war Kim im Hammersmith Palais zu finden.

Einmal gab er sogar die ganzen £ 2500, die er mit den 2500 Karten eingenommen hatte, an gute Zwecke weiter. Dann kam 1993: „Ganz schlimm!“ Kim erfuhr, dass Michael sich in Gstaad aufhielt, um vom Rummel wegzukommen. Elizabeth Taylor hatte ihm ihr Haus zur Verfügung gestellt. Die Boulevardpresse berichtete laufend darüber, wie er mit seinen Bodyguards durchs Dorf wanderte. Kim dachte: „Die Chance muss ich wahrnehmen. Ich sagte im Geschäft: „Ich muss sofort weg.“ Die sagten: „Geh nur.“.“ Er rief Kim im Hotel Olden in Gstaad an. Dort, so hiess es, wohnte Michaels Tross von Angestellten. Er verlangte den Leibwächter zu sprechen. Tatsächlich wurde er zu diesem durchgestellt. Der Leibwächter konnte sich an Kim vom Hammersmith Palais her erinnern. Kim wunderte sich, dass er gleich ein Treffen abmachen wollte: „Das ist doch ein Angestellter, der muss doch den ganzen Tag mit Michael Jackson herum fahren!“ Der Leibwächter versetzte Kim nicht. Eine halbe Stunde unterhielten sich die beiden über dieses und jenes. Dann kam es zum springenden Punkt. Kim hatte ein Gemälde mitgebracht für Michael. Ein Geschenk, um ihm zu zeigen, dass nicht die ganze Welt gegen ihn war. Hinten am Bild hatte er die Buchstaben „A.M.M.J.“ angebracht – „Adonis Messiah Michael Jackson“. Der Leibwächter wollte Kim das Bild abnehmen, um es weiterzugeben. Kim sagte: „Entweder gebe ich es ihm persönlich oder ich nehme es wieder heim.“ Der Leibwächter fragte, ob er es Michael wenigstens schon an diesem Tag zeigen könne. „Ich dachte, der ist schon ehrlich und habe es ihm gegeben.“ Am nächsten Tag, als Kim das Bild abholen wollte, standen da plötzlich Absperrungen. In zehn Minuten komme Michael, eröffnete ihm der Leibwächter: „Dann habe ich das irgendwie gespürt, dass er kommt. Das ist kein Witz! Der Chakra ist wie Wellen gekommen. Ich wusste: Michael ist da und geht jetzt unten durch den Korridor.“ Schriftlich legte sich Kim ein paar Sätze zurecht für den grossen Moment. „Man weiss ja nicht, wie man in einer solchen Situation reagiert. Ob man dann noch sprechen kann. Oder gar denken.“ Das Herzklopfen sei gewaltig gewesen. „Ich habe gespürt, wie er heraufgekommen ist, und dann, als er durch die Tür trat, war ich sprachlos. Er war es auch. „Thank you Michael for all you do for a better world”. Irgendwie so was werde ich gestammelt haben. Er war sehr gerührt. Als ich ihm erklärte, was die Buchstaben A.M.M.J. bedeuteten, da merkte man schon, dass es bei ihm tief gegangen ist.

Vielleicht kommt das Bild eines Tages in Los Angeles ja wieder zum Vorschein.“ Für Kim Moses ist das Malen von Michael Jackson mehr als nur ein Abpinseln. „Ich habe ihn nie gemalt“, sagt er. „Ich habe ihn gelebt. Das ist ein Unterschied. Man kann mir nicht einfach ein Photo bringen und dann ist es das. Ich lebe das. Ich habe mich in ihn hineinversetzt. Ich habe schon auch gewisse Parallelen zur eigenen Jugend gespürt. Dabei ist mir eigentlich das Gegenteil von ihm passiert.“ Während Michael in seiner Jugend an die Grenzen seiner Fähigkeiten und darüber hinaus getrieben wurde, habe man Kim nichts zugetraut. Überall habe es geheissen: „Du kannst das nicht, das auch nicht und erst recht nicht das.“ Der Vater war ein Schlägertyp. Die Mutter wurde im Februar neunzig Jahre alt und akzeptiere den Sohn noch heute nicht: „Weil ich nicht Beamter wurde, nicht so ein Ticketknippser. Dabei hätte ich das ja auch gar nicht gekonnt! Man kann einen Menschen ja nicht in eine Form hineinpressen.“ Schon als Kind, lang bevor er lesen konnte, habe Kim aus den Bildern in der Zeitung gespürt, welche Ungerechtigkeiten in der Welt geschehen. In Michael Jackson habe er einen Seelenfreund entdeckt: „Wenn man die Worte „Michael Jackson“ sagt, dann denkt man auch karitativ. Man denkt für die Welt. Manchmal verstehe ich die Erwachsenenwelt nicht. Zum Beispiel verstehe ich nicht, warum die Erwachsenen so lange brauchten, bis sie die Botschaft von Michael verstanden. Zum Teil haben sie es ja immer noch nicht begriffen! Dabei hat ja eigentlich alles gesagt im „Earth Song“.“ Wenn es um die Gerechtigkeit geht oder schlicht das Gute im Leben, kann Kim Moses durchaus auf die Barrikaden steigen. Als er erfuhr, dass Michael Jackson nicht mehr in Deutschland auftreten könne, weil eine neue Konzertsteuer Shows in seiner Grössenordnung unwirtschaftlich machen würde, setzte er sich vor die Schreibmaschine und setzte einen Brief direkt an Theo Waigel auf, den damaligen deutschen Finanzminister. „Ich kann jedem schreiben, wenn es sein muss“, sagt er. Er habe Waigel dargelegt, dass Konzerte ganz wichtig seien für die Jungen, denn dann kämen diese einmal wieder aus sich heraus und seien drei Monate lang zufrieden. Das sei unerlässlich für den Frieden im Land. „Bei dem Argument musste auch er sagen: Sie haben recht. Ein Monat später wurde die massive Erhöhung der Konzertpreise zurückgezogen. Das war schön. Da sieht man, dass etwas geht.“

 

Kim Moses, Astral Painter, P.O. Box 518, CH-8840 Einsiedeln, Switzerland
E-Mail: phaenomenal@gmx.ch